Studienreise 2026 nach Ungarn
ABO blickt hinter die Kulissen von Landwirtschaft, Weinbau und Energie
Vom 4. bis 7. Juni erkundete die Akademikergruppe der BOKU die landwirtschaftliche Praxis Ungarns – von hochintegrierten Agrarkonzernen über Weinbetriebe bis hin zur agrarischen Ausbildung und der Energieinfrastruktur.
Der erste Stopp der Reise brachte uns nach Paks. Abseits der Landwirtschaft besuchte die Gruppe das Kernkraftwerk. Paks 1, ursprünglich von Skoda gebaut, deckt mit seinen Einheiten rund die Hälfte des ungarischen Strombedarfs - eine von acht Turbinen versorgt etwa 300.000 Menschen. Die geplante Erweiterung im Umfang von rund 17 Milliarden Euro könnte bis zu 8.000 Arbeitsplätze schaffen, ist aber aufgrund der politischen Lage – darunter die Rolle Russlands als Finanzierer und Uranlieferant – derzeit ausgesetzt. Die Anlage wird mit Donauwasser gekühlt. Der Besuch brachte uns spannende Einblicke in die Welt der Energiegewinnung.
Als zweiter Halt stand ein Milchkuhstandort, eingebettet in einen der größten Agrarverbünde des Landes am Programm. Der Verbund bewirtschaftet rund 34.000 Hektar, hält mehrere Milch-, Mast- und Geflügelbetriebe und betreibt sowohl Fleischverarbeitung (rund 25 Prozent Marktanteil) als auch eine Molkerei (knapp 30 Prozent Marktanteil). Am besuchten Standort werden 3.250 Milchkühe dreimal täglich im 72er-Karussell gemolken. Ein Durchgang dauert etwa sieben Stunden und die Tagesleistung liegt bei rund 120.000 Kilogramm Milch.
Transponder melden Brunst und Leistung, besamt wird ohne Hormone. Kälber werden unmittelbar nach der Geburt separiert, erhalten 3,5 Liter Kolostrum und nach 24 Stunden Milch aus dem Bestand. Monatlich kommen etwa 12 Kälber pro Tag zur Welt, durchschnittlich acht Kälberverluste pro Monat werden berichtet. Zur Fütterung werden pro Kuh rund 50 Kilogramm Ration eingesetzt – in Summe etwa 200 Tonnen täglich. Sechsmal pro Tag werden die Gänge mit aufbereiteter Gülleflüssigkeit gespült, Sand wird recycelt und monatlich fallen etwa 3.000 Tonnen trockene Gülle an. Sichtbar wird ein System, das auf maximale Effizienz setzt – mit spürbaren Zielkonflikten bei Arbeitsorganisation und Tierhygiene.
Eine Jeep-Fahrt, am Abend des ersten Tages, führte die Gruppe in die Weinberge, genauer gesagt in eine Region mit rund 2.600 Hektar Reben. Mit Erträgen um 6.000 Liter pro Hektar liefern viele Güter in Volumensegmente, oft über internationale Handelsketten wie Lidl, Aldi oder Spar – ein großer Teil wandert in den Export nach China, Russland, die USA und Kanada. Die Konkurrenz mit klassischen Exportnationen wie Frankreich wird strategisch umgangen, indem auf weniger prominente Sorten gesetzt wird. Bislang fielen nur etwa 140 Liter Niederschlag, wobei besonders junge Anlagen leiden. Biobetriebe sind hier eher die Ausnahme. Die Landschaft war durchwegs eindrucksvoll und auch das ein oder andere Gläschen wurde verkostet.
Kontrastprogramm bot ein weiterer besichtigter Weinbaubetrieb aus demselben Verbund wie der Milchstandort: Rund 400 Hektar Reben (etwa 280 ha Rot, 90 ha Weiß), zwei Millionen Flaschen pro Jahr, tägliche Abfüllung von etwa 30 Kubikmetern. Große Erntemaschinen bearbeiten drei Reihen gleichzeitig und dienen auch für Pflanzenschutz und Schnitt. Temperaturgeführte Gärung, Tankhallen mit jeweils 76 Behältern und ein 130 Meter langer, historischer Keller stehen für technologisch versierte Kellerwirtschaft. Seit 1889 besteht der Betrieb, zwischenzeitlich verstaatlicht und heute wieder privat – im nationalen Vergleich eher mittelgroß, in der Region eine Hausnummer.
Ein dritter Schwerpunkt war ein Acker- und Mutterkuhbetrieb im Besitz eines deutschen Unternehmers. Auf 7.000 Hektar Acker und mit 1.000 Angus-Mutterkühen (insgesamt etwa 2.500 Rinder) werden pro Jahr rund 1.000 Tiere geschlachtet, ein großer Teil wird selbst vermarktet, dies geschieht auch über ein angeschlossenes Hotel. Die Flächen sind staatlich verpachtet, mit symbolischem Pachtzins von einem Euro je 36 Hektar, gebunden an Pflegeauflagen im Naturschutzgebiet. Die Herden umfassen rund 300 Kühe mit Kälbern, abgekalbt wird auf der Weide, im Winter geht es in den 2018 errichteten Tretmiststall. Der Dieselverbrauch liegt bei etwa 500.000 Litern pro Jahr – ein Hinweis auf die Dimension der Feldarbeiten. Der Betrieb überzeugte die Gruppe mit schlüssigem Weidemanagement und professioneller Führung.
Die am letzten Tag besuchte Agraruniversität bildet auf einem 800-Hektar-Campus nahezu alle relevanten Betriebszweige ab – von Milch- und Mastrindern über Schweine und Geflügel bis zu Acker-, Obst-, Wein- und Gemüsebau. Rund 6.000 Studierende sind landesweit an drei Agraruniversitäten eingeschrieben. Am Standort standen etwa 110 laktierende ungarische Fleckvieh-Kühe, Masttiere verbringen sieben Monate auf 150 Hektar Weide und das Futter wird vollständig selbst erzeugt. Auffällig ist die Rolle der Pferde. Etwa 50 Tiere stehen am Campus, Reiten ist Teil der Ausbildung – ein kultureller Zugang, um junge Menschen für Agrarstudiengänge zu gewinnen. Die Universität arbeitet nach eigener Darstellung nahe an den Bedingungen durchschnittlicher Betriebe (mittlere Betriebsgröße etwa 50 Hektar) – ein aufschlussreicher Kontrast zu den zuvor besuchten Großbetrieben. Zwischen Fachbesuchen blieb auch Zeit für Budapest. Die Stadt bildete den kulturellen Rahmen und bot Gelegenheit zum Besichtigen der verschiedenen historischen Bauten.
Zurückblickend war die Studienreise eine sowohl fachlich als auch gesellschaftlich bereichernde Erfahrung. Wir haben viel gesehen, viel gelernt und wertvolle Kontakte geknüpft!
Dies wäre ohne die Unterstützung unserer Kooperationspartner Agrana, Café+co, Hagelversicherung, NÖM, Niederösterreichische Versicherung, Raiffeisen Capital Management, Raiffeisen Holding NÖ-Wien, Raiffeisen Ware Austria und Rübenbauernbund nicht möglich gewesen – danke dafür.